SUDETENDEUTSCHE IN ARGENTINIEN

Ehem. Vorsitzende
und Ehrenmitglieder
Text von
Herrn K. Grulich
Text von
Herrn H. Ullmann
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Vielleicht der Erste, sicher aber einer der ersten Sudetendeutschen in Argentinien war der Jesuitenpater Johann Kraus aus Pilsen. Er war als Architekt in Buenos Aires tätig und veränderte das damalige Stadtbild. So schreibt Dr. Rudolf Grulich in seinem Buch "O Prag, wir zieh´n in die Weite".

Die Häuser, ausser dem Dom, waren aus "echtem Koth auf Schwalbenart gebaut". Dies schrieb ein Zeitgenosse jener Zeit. Von Kraus wurde nun das Gebäude des Jesuitenkollegs aus "Kalk und Backstein" gebaut. Johann Kraus wurde am 1656 in Pilsen geboren und trat als 33-jähriger in die oberdeutsche Provinz der Jesuiten ein, die ihn noch im selben Jahr 1689 in ihre Missions-Provinz Paraguay schickte. Seine prächtigen Bauwerke stehen zum Teil noch heute und trugen ihm den Ruf eines ausgezeichneten Architekten jener Zeit ein. Ausser dem Kolleg erbaute er in Buenos Aires die San Ignacio-Kirche, in Córdoba das Noviziatshaus und das Kolleg, sowie Kirchen in verschiednen Reduktionen, wie Yapeyú und Santo Tomé. Kraus starb als 69-jähriger 1715 in Buenos Aires. Er wird noch im 20. Jahrhundert als "Pionier der nationalen Zivilisation" bezeichnet.

San Ignacio de Loyola-Kirche, Buenos Aires


Johann Baptist Neumann, zwar in Wien geboren aber in Olmütz aufgewachsen, trat in 1675 in Brünn ins Noviziat ein. 1689 ging er nach Paraguay. Neumann ist durch die Errichtung der ersten Druckerei der Río de la Plata-Länder in die Geschichte eingegangen. Diese Druckerei stand aber nicht in Buenos Aires oder in Córdoba, sondern in der Reduktion Santa María Mayor in der heutigen Provinz Misiones.

Ein weiteres Beispiel ist der gebürtige Aussiger Johann Josef Messner. Er hat sich um die Musikkultur am Río de la Plata verdient gemacht. 1703 in Aussig geboren, trat Messner 1722 in den Jesuitenorden ein und 1733 mit Johann Prokwedel aus Leitmeritz in die Mission nach der paraguayischen Reduktion des Hl. Franz Xaver. Dort belebte er die musikalische Erziehung der Chiquitos und gründete Kirchenchöre.

Diese Beispiel bezeugen, dass es über 300 Jahre her ist, dass die ersten Deutschen aus Böhmen, Sudentendeutschen, nach Südamerika kamen bzw. in Argentinien ihr Lebenswerk vollendeten.

Zuerst vereinzelt, später von Regenten und Grossgrundbesitzern angeworben, entstanden Siedlungen in Brasilien: 1857 Sâo Bento do Sul im Staate Santa Catarina, in der Mehrzahl von Böhmerwäldlern und Isergebirglern. Um die gleiche Zeit entstand in der Nähe von Nova Petropolis durch Friedländer und Reichenberger Linha Imperial (Kaisertal). Die Linha Isabel bei Venancio Aires, auch im Staate Rio Grande do Sul, wurde von Landsleuten aus dem Kreis Gablonz gegründet (1873).

In Chile enstand 1875 die Siedlung Nueva Braunau, eine geschlossene Gemeinschaft von, wie schon ihr Namen sagt, Landsleuten aus dem Braunauer Ländchen. Dann wurde auch Bella Vista 1918 in Paraguay von einem Gablonzer gegründet und von Landsleuten besiedelt, die ihr Glück nicht in Brasilien gefunden hatten, von dort wegzogen, um anderswo ihr Glück zu versuchen.

Eine weitere Siedlung und ganz sudetendeutschen Ursprungs ist die 1933 in Paraguay gegründete Siedlung Colonia Sudetia. Sie liegt 15 Kilometer von der württembergischen Siedlung Independencia entfernt. Sie ist den meisten unserer Landesleute bekannt, da sie schon oft von uns besucht wurde und wir darüber berichteten.

Unsere Landesleute, die in Brasilien, Paraguay oder Chile erst mal den Urwald roden mussten, um sich zu ernähren, auch wenn sie von Haus aus kein Landwirte waren, hatten sie einen gemeinsamen Nenner: Aus der Heimat ausgewandert, die sie in die Ferne trieb, um sich in fremden Ländern eine bessere Zukunft aufzubauen. Das Schlaraffenland, wo Milch und Honig fliessen, fanden auch sie nicht. Das Heimweh wurde zu ihrem steten Begleiter.

vlnr: Werner Reckziegel, Donaldo Ritzmann und Joachim Sturm (SdL Brasilien), Anneliese Reckziegel und Willi Schwarzbach in Sao Bento Do Sul, Brasilien.


Trotz der Not in den neuen Siedlungen kamen sie nach schwerster Arbeit zusammen, um Erfahrungen auszutauschen. Dabei entstanden kleine Vereine, in denen zuerst den Kindern die deutsche Sprache gelehrt wurde. Es wurden auch Chöre und Musikkapellen gebildet, die für Abwechslung sorgten. Der Kampf mit dem Urwald stellte für diese Menschen unmenschliche Anstrengungen dar. Die meisten wären dann lieber in der Heimat geblieben, wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukam. Ein Zurück gab es für sie jedoch nicht mehr. Hier bewahrheitete sich das Sprichwort: "Den Ersten der Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot".

In allen diesen Siedlungen ist heute ein Wohlstand eingezogen, von dem man dazumal nicht geträumt hätte, doch ist dieser unterschiedlich, nicht weil die Menschen mehr gearbeitet hätten, als in anderen Siedlungen, sondern weil ihre Siedlung günstiger lag oder der Boden besser war oder gar, weil sich dort Industrien niederliessen.

Ganz anders war die Einwanderung unserer Landsleute in Argentinien. Die grössten Wellen kamen nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Es waren meist Facharbeiter, die verhältnissmassig leicht Arbeit fanden. Man wusste, dass sie gut ausgebildete und fleissige Menschen waren. Nach dem 1. Weltkrieg kamen viele Landsleute bei der Erdölfirma ASTRA in Comodoro Rivadavia unter. Es entstand dort eine Gruppe von Landsleuten, die sich regelmässig traf und die später den Anstoss zur Gründung des SdL in Argentinen geben sollte.

Die Elektirizitätsfirma CADE, die die Stadt Buenos Aires mit Strom versorgte, war ein weiterer Arbeitsgeber für unsere Landsleute. Dock Sud, ein Vorort von Buenos Aires, wurde zu einem Wohngebiet für sie. Textilarbeiter, Texilmaschinenbauer, Textilfärber wurden gesucht und zum Teil mit Kontrakt verpflichtet: man holte sie direkt aus Deutschland, darunter einen Grossteil sudetendeutschen Ursprungs.

Dies frischte die vorhandenen Vereine mit neuem Blut auf. Das nach dem 2. Weltkrieg von der argentinischen Regierung beschlagnahmte deutsche Eigentum der Vereine und Schulen wurde nach jahrelanger Arbeit des Deutsch-Argentinischen Dachverbandes-F.A.A.G., der zu diesem Zweck gegründet worden war, zurückerstattet, was erst 1965 vollendt war. Aber der Wiederaufbau der deutschen Vereine bekannt schon in den 50er Jahren mit viel Elan und Idealismus.

Luftaufnahme von der Glasfabrik in Santo Tomé.

1949-1950 kam eine grössere Gruppe (29 Familien) von Glasfacharbeitern nach Santo Tomé, Provinz Santa Fé, um dort eine Glashütte aufzubauen. Diese wurde 1950 in Betrieb genommen und erregte auf dem argentinischen Markt grosses Aufsehen mit ihren Erzeugnissen, die bisher nur importiert wurden. Durch die Presse aufmerksam geworden, wollte der Vorsand der SdL in Argentinien Kontakt mit diesen Landsleuten aufnehmen. So reisten drei Vorstandsmitglieder, unter ihnen der Gründer der SdL, Ing. Alfred Soukop, nach Santa Fé. Es gelang ihnen, in den zwei Tagen den richtigen Kontakt herzustellen. Man beriet die Landsleute in Santa Fé, so auch den Schreiber dieser Zeilen, die nunmehr Mitglieder der SdL wurden. Man war beiderseits sehr zufrieden. Im Laufe der Zeit stellten drei der damals gewonnen Mitglieder die Präsidenten der SdL in Argentinien.

Glasfabrik Santo Tomé in Santa Fé.



Seit 1950 blieb die deutsche Einwanderung aus, und somit auch die sudentendeutsche. Es wurde notwendig, für die Vereinigung anderer Ziele zum Überleben zu setzen, denn es gab ein Nachlassen des so wichtigen Zusammenhalts unter den Mitgliedern. In den Satzungen wurde daher festgelegt, dass in den Zusammenkünften weder über Politik noch über Religion diskutiert werden darf, um sich zusammenzufinden und nicht zu teilen. Es wurde auch erkannt, dass Freunde für unsere Belange zu finden, lebenswichtig war.

Von unserem Lm. Dr. Rudolf R. Hinner aus Sâu Paulo, Brasilien, wurde wir auf die Existenz der sudetendeutschen Siedlung Colonia Sudetia in Paraguay aufmerksam gemacht. Somit konnte Dr. Hinner zweifelsohne die Auffindung und Bekanntmachung dieser Siedlung für sich in Anspruch nehmen. Der damalige Präsident der SdL in Argentinien, Hubert Ullmann, organisierte 1972 das 1. Südamerikanische Sudetentreffen in Sudetia. 45 Landsleute aus Argentinien machten damals diese Reise über 2500 Kilometer mit, die damals nocht meist auf Erdstrasse zurückgelegt werden musste. Nicht zu beschrieben war die Freude und Teilnehmer dieser Begegnungsreise zu unseren Landsleuten in Paraguay. Es entstanden Freundschaften und neue Bindungen. Dieses Vorgehen trug seine Früchte und weitete sich später auch auf Brasilien und Chile aus, es stärkte und verband alle in Südamerika lebenden Landsleute. Für unsere Landsleute in Deutschland sind die Weiten, die dabei überbrückt werden müssen, kaum vorstellbar. Wir glauben aber den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, denn 15 südamerikanische Sudetentreffen bezeugen den Zusammenhalt der Menschen aus der Volksgruppe, der wir angehören.

vlnr: Frank Reckziegel, Dr. Walter Becher (Mitglied des Bundestages und Sprecher der SL), Isabel und Sandra Reckziegel,Staatsimnister Dr. Fritz Prikel, in Jaureguy (Buenos Aires).


Dazu waren jahrelange intensive ehreamtliche Arbeit und Idealismus notwendig. Wieviele sind heute schon bereit, tausende Kilometer hinter sich zu bringen, nur um Siedlingen zu besuchen und Kontakte an Ort und Stelle zu schaffen? Und gerade sie sind der Motor, der die Menschen zusammenführt und mobilisiert.

Es ist wahrhaftig keine leichte Aufgabe. Ich muss gestehen, dass es auch nicht immer auf Anhieb klappte. Bei unseren Landsleuten in Chile haben wir in drei Besuchen in der Siedlung Nueva Branau viele Freunde gefunden, aber es ist bislang nicht gelungen, dass aus ihnen heraus ein Landsmann sich bereit fand, sich einzusetzen und seine Leute zu mobilisieren. Deshalb war es noch nie möglich, Landsleute aus Chile bei unseren internationalen Treffen begrüssen zu könen. Trotzdem hoffen wir mit Zuversicht, dass ihnen ihr Mithalten bald gelingen wird.

Elvira und Anton Gremmelspacher in Vertretung der Sudetendeutschen Delegation auf der Feier des 3. Oktobers in Buenos Aires.


 

Es gibt in Argentinien verschiedene deutsche Vereinigungen, die beachtlich älter sind als unsere SdL. Da gibt es zum Beispiel den Deutschen Klub in Buenos Aires seit 148 Jahren, den Deutschen Krankenverein seit 146 Jahren, den Deutschen Turnverein seit 92 Jahren usw..

Sie werden weiterbestehen, auch wenn bei Ausbleiben deutscher Inmigration kein deutsches Wort mehr gesprochen werden sollte. Anders und viel schwieriger ist es, unsere Volksgruppe zu motivieren und am Leben zu erhalten. Verhältnismässig wenige Landsleute fanden in Argentinien ihre neue Heimat. Darum scheint uns der eiserne Zusammenhalt wichtig.


3. Oktober - Jährliche Feier der deutschen Gemeinschaft am Deutschland-Platz in Buenos Aires.


Durch Gewinnung von Freunden, die mit uns zusammen den Weg in die Zukunft mit Zuversicht zu beschreiten gewillt sind.

Dank gebührt an dieser Stelle meiner Frau Anneliese, die mich auf allen Reisen begleitete, um die Siedlungen in den Nachbarländern aufzusuchen und mit gewinnender Überzeugungskraft so manchen Brückenschlag zum Erfolg zu führen, der mir vielleicht nicht immer vergönnt gewesen wäre.

Dank auch den Landsleuten vom Vorstand der SdL in Argentinien und ihren Mitgliedern, die uns in all diesen Jahren begleiteten. Ich hoffe, auch in Zukunft mit ihrer Unterstützung rechnen zu können. Nicht vergessen möchte ich die vielen Freunde und Landsleute, die in der ganzen Welt zerstreut sind. Auch ihrer Mithilfe gebührt unser innigster Dank.


Werner Reckziegel
Vorsitzender der SdL in Argentinien